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Emanuel Schiffnergestorben am 10. Februar 2026

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Für Opa

Alex: Was bleibt von einem Menschen, wenn wir heute hier stehen und Abschied nehmen? Bei unserem Opa bleiben vor allem Geschichten. Und ein Lächeln, das sich durch all diese Erinnerungen zieht. Es gibt Momente, die man als Enkel nie vergisst. Einer davon führt zurück in eine Nacht, als ich 14 war, zusammen mit Waldemar und einem Freund, geschniegelt zu einer Party in die Tanzschule ging – und das Konzept „Tanzen“ sehr, sehr flüssig interpretierte. Opa holte uns ab. Er sah es uns an. Er wusste alles. Wirklich alles. Aber er sagte kein Wort. Nicht im Auto. Nicht am nächsten Tag. Nicht in all den Jahren danach. Dieses Geheimnis hat er mit ins Grab genommen. Und damit hat er uns gezeigt, was echte Loyalität bedeutet. Er war unser Komplize, wenn es darauf ankam. Opa war überhaupt vieles zugleich: Komplize, Lehrer, Entertainer – und manchmal stiller Beobachter mit diesem Blick, der mehr sagte als tausend Worte. Abenteuer konnten wir mit ihm auch erleben – in Kirgistan, wenn im Winter der See zufror und er den Hund vor den Schlitten spannte. Für uns war das kein einfacher Ausflug. Das war unser persönliches Abenteuer, mit Opa als Expeditionsleiter. Unsere Familienfeiern hatten immer einen festen Programmpunkt: Wenn die Stimmung am schönsten war, begann Opa, seine alten russischen Lieder zu singen. In diesen Momenten schied die Zeit stillzustehen. Man spürte seine Wurzeln und seine Leidenschaft. Und dann war da diese schelmische Seite. Die mystischen Bewegungen seiner Hände um Omas Kopf – wie ein Hellseher über seiner Glaskugel. Nur um sie ein bisschen zu ärgern. Nur um uns alle zum Lachen zu bringen. Seine Lieblingsgeschichte aus der Jugend? Wer sonst käme auf die Idee, mit einer Schere in die eigene Zunge zu schneiden, nur um zu testen, ob die Zunge oder die Schere schneller ist? Wir wissen heute: Die Schere gewinnt. Aber weil Opa die Geschichte so oft erzählt hat, hatte am Ende doch er gesiegt. Er war auch unser Mentor. Mathe war bei ihm kein Schulfach, sondern ein Charaktertest. „Was kannst du?“ – diese Frage schwang immer mit. Zeugnisse waren keine Nebensache. Er hat uns immer angespornt und wollte, dass wir das Beste aus uns herausholen. Ich erinnere mich, wie ich mich manchmal schämte, wenn das eigene Zeugnis nicht ganz mit Waldemars mithalten konnte – nicht, weil Opa geschimpft hätte. Sondern weil man diesen stolzen Blick sehen wollte. Diesen Blick, der sagte: „Gut gemacht.“ Dieser Blick hat uns geprägt. Er hat uns angetrieben. Er hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind.

Eduard: Aber Opa konnte nicht nur rechnen – er konnte auch Tetris. Mit einer Hand, die aussah, als könne sie mühelos einen Baumstamm tragen, bewegte er die kleinen Klötzchen schneller als wir alle. Präzision und Geschick – das war eben nicht nur Theorie bei ihm. Es gab diese Freitagabende auf der Couch mit Oma und Opa. „Das Amt“ lief im Fernsehen, wir saßen zusammen, lachten, lösten nebenbei mathematische Aufgaben – exklusiv nur wir drei. Es waren keine großen Ereignisse. Aber es waren große Momente. Und natürlich gab es da noch „Willi“. Opas Bauch bekam seinen Namen, nachdem wir eine Sendung gesehen hatten, in der ein Tierpfleger ein Kängurujunges in einem selbstgebauten Beutel trug – mit entsprechend rundem Bauch. „Du hast auch einen Willi dabei“, sagte ich damals. Und dieser Name blieb. Jahre lang. Opa trug ihn mit Würde – und vor allem mit einem verschmitzten Lächeln.

Lilli: Selbst mit fast 88 Jahren war er nicht zu bremsen. Bei seinem letzten Besuch in Großsteinhausen setzte er Felix und Philipp auf die Schaukel, drehte sie ein, wartete auf das taumelnde Ausdrehen – und gab ihnen dann einen kräftigen Schubs. „Pilotentest“, nannte er das. Als ich mit schwarz lackierten Fingernägeln zu ihm kam, bot er mir eine „kostenlose, langfristige Maniküre mit dem Hammer“ an. Bei einem Besuch weiteren bei Oma und Opa trug ich eine Jeans mit modernen Löchern. Also schlug er mir vor sie ordentlich zuzunähen. Opa eben.

Annette: Auch in schwierigen Zeiten blieb seine Heiterkeit ansteckend. Als Oma in ihrer Demenz mal wieder nach ihrem Emanuel suchte, saß er unten auf der Couch. Kurze Zeit später kam er nach oben, stellte sich in die Küchentür und fragte ganz trocken: „Wo ist denn meine Irma?“ Und plötzlich lachten alle. Sogar Oma. Für einen Moment war alles leicht. Im April 2024 lernte er seinen jüngsten Urenkel Aleo Emanuel kennen. Aleo, vier Monate alt, saß auf Emilias Schoß, schaute seinen Uropa fasziniert an und machte einen Laut, der wie ein „mäh“ klang. Opa sah ihn an und fragte: „Bist du ein Schaf oder ’ne Ziege?“ Dieser Schalk – ein bisschen derb, immer liebevoll – war sein Markenzeichen. Und wir tragen ihn weiter. Und sogar in seinen letzten Tagen blieb sein Augenzwinkern ungebrochen. Er konnte kaum noch sprechen – und zeigte uns trotzdem noch sein „Sportprogramm“. Mit dem Finger wie ein Dirigent zählte er die Sekunden, während er seine Füße kreisen ließ. Selbst in diesem schweren Moment schenkte er uns damit ein Lächeln. Ich werde niemals dieses Gefühl vergessen, diesen Augenblick, als er all seine letzten Kräfte zusammennahm und zum Abschied seinen Kopf fest an meinen drückte. Diese stille, innige Umarmung werde ich für immer in meinem Herzen behalten. Es gibt so viele Situationen, in denen er uns zum Lachen brachte – man könnte wohl wirklich ein ganzes Buch darüber schreiben. Opa, du warst Komplize, Lehrer, Entertainer, Tetris-Meister, Pilotentester und Geschichtenerzähler. Du hinterlässt eine Lücke, die niemand füllen kann. Danke für alles. Wir werden dich vermissen. Aber du hinterlässt uns auch einen Schatz aus Erinnerungen, der uns für immer verbindet. Und wir sind uns sicher: Wo immer du jetzt bist – du hast es längst durchgerechnet. Und wahrscheinlich gewinnst du auch dort gerade die nächste Runde Tetris.